Warum fühlen sich Ischias, Piriformis und ISG so ähnlich an?
Schmerzen im Gesäß, die manchmal hinten in den Oberschenkel ziehen, nach dem Autofahren schlimmer werden und beim Aufstehen einen Moment brauchen: Irgendwann sagt dir jemand, das ist der Ischias, der Piriformis oder das ISG ist blockiert. Das Problem ist laut Tim, dass sich diese drei Dinge oft fast genau gleich anfühlen.
Sie liegen nur wenige Zentimeter auseinander. Oben, wo das Kreuzbein in das Becken übergeht, sitzt das ISG. Etwas tiefer, quer durch die Pobacke, liegt der Piriformis und direkt darunter läuft der Ischiasnerv, der größte Nerv deines Körpers, hinunter ins Bein. Alles liegt auf engstem Raum. Kein Wunder, dass so viele Menschen hier im Kreis laufen.
Tim betont: Über ein Video kann niemand eine Diagnose stellen. Er zeigt dir aber, wie du deinen Schmerz besser lesen kannst, damit du beim nächsten Gespräch mit deinem Arzt oder Physiotherapeuten die richtigen Fragen stellst.
Warum ist die Stelle, an der es weh tut, nicht immer die Ursache?
Der wichtigste Satz aus dem Video lautet: Wo es weh tut, ist nicht immer die Ursache. Das klingt banal, ist aber der Fehler, den Tim am häufigsten sieht.
Jemand spürt den Schmerz mitten in der Pobacke und massiert genau dort, jeden Tag, mit der Faszienrolle, mit dem Tennisball, mit allem, was er findet. Nach drei Monaten ist der Schmerz immer noch da, weil er dort zwar ankommt, aber nicht unbedingt dort entsteht.
Woran erkennst du eine gereizte Nervenwurzel?
Im Alltag heißt jeder Schmerz, der vom Gesäß ins Bein zieht, schnell Ischias. Medizinisch ist das ziemlich ungenau. Der Ischiasnerv entsteht aus mehreren Nervenwurzeln, die unten aus der Lendenwirbelsäule und dem Kreuzbein austreten, durch das Gesäß an der Rückseite des Oberschenkels nach unten laufen und sich bis in Unterschenkel und Fuß verzweigen.
Ist eine dieser Wurzeln gereizt, zum Beispiel weil eine Bandscheibe auf sie drückt oder es dort eng ist, spürst du das oft nicht an der Stelle der Reizung, sondern dort, wo der Nerv versorgt: im Gesäß, im Bein, manchmal bis in die Zehen.
Tim nennt vier Hinweise, die eher für eine gereizte Nervenwurzel sprechen: Der Schmerz zieht bis unter das Knie oder in den Fuß und folgt eher einer Linie als einer Fläche. Dazu kommen Kribbeln, Taubheit, ein elektrisches, einschießendes Gefühl oder Brennen. Husten, Niesen oder Pressen auf der Toilette machen es kurz schlimmer. Und das Bein tut oft mehr weh als der Rücken selbst.
Ist eine Bandscheibenvorwölbung im MRT automatisch die Ursache?
Viele haben ein MRT, auf dem Bandscheibenvorwölbung oder Bandscheibenvorfall steht und ab diesem Moment scheint die Ursache klar. Tim möchte diese Angst entschärfen: Untersuchungen an Menschen ganz ohne Rückenschmerzen zeigen, dass solche Vorwölbungen sehr häufig vorkommen, gerade mit zunehmendem Alter.
Das heißt nicht, dass dein Befund egal ist. Es heißt, dass ein Befund immer zu deinen Beschwerden passen muss. Zeigt das MRT links eine Vorwölbung und dein Bein tut rechts weh, ist das zumindest ein Grund, genauer hinzuschauen. Und folgen deine Beschwerden nicht dem typischen Muster einer Nervenwurzel, lohnt es sich, auch woanders hinzuschauen.
Ist der Piriformis schuld, wenn es tief im Gesäß schmerzt?
Der Piriformis ist ein kleiner, birnenförmiger Muskel. Er zieht vom Kreuzbein quer durch das tiefe Gesäß bis zum großen Rollhügel am Oberschenkelknochen, dreht das Bein nach außen und stabilisiert das Hüftgelenk. Direkt darunter läuft bei den meisten Menschen der Ischiasnerv, bei manchen sogar teilweise mitten hindurch. Daraus ist die Idee entstanden, dass ein verspannter Piriformis auf den Nerv drückt.
Hinweise auf eine Beteiligung der tiefen Gesäßregion sind laut Tim: Der Schmerz sitzt tief in der Pobacke und du kannst ziemlich genau auf die Stelle drücken. Sitzen macht es deutlich schlimmer, vor allem auf harten Flächen und bei langen Autofahrten. Schlägst du ein Bein über das andere, zieht es sofort im Gesäß. Und nach dem Sitzen brauchst du einen Moment, bis du wieder normal gehen kannst.
Gleichzeitig wird hier laut Tim im Internet am meisten Unsinn erzählt. Ein verspannter oder druckempfindlicher Muskel beweist noch lange keinen eingeklemmten Nerv. Fast jeder, der viel sitzt, hat dort eine Stelle, die bei Druck unangenehm ist. Das klassische Piriformissyndrom ist in der Forschung umstritten. Heute spricht man deshalb eher von einem tiefen Gesäßsyndrom: Der Nerv kann irgendwo im tiefen Gesäß gereizt sein, nicht nur durch den Piriformis, sondern auch durch andere Muskeln, Bänder oder Narbengewebe.
Woran erkennst du, dass das ISG beteiligt sein könnte?
ISG steht für Iliosakralgelenk, auf Deutsch Kreuzdarmbeingelenk. Du hast zwei davon, links und rechts. Sie verbinden das Kreuzbein mit den beiden Beckenschaufeln. Wichtig ist laut Tim: Dieses Gelenk bewegt sich nur ganz wenig, wir reden von wenigen Millimetern. Es ist mit extrem starken Bändern gesichert und springt nicht einfach heraus, wenn du dich falsch bückst. Das Bild vom verschobenen ISG, das wieder eingerenkt werden muss, klingt gut, hat mit der Anatomie aber wenig zu tun.
Trotzdem kann die Region um das ISG sehr wohl Schmerzen machen und die strahlen gerne aus: ins Gesäß, in die Leiste und hinten oder seitlich in den Oberschenkel. Unter das Knie geht es dagegen eher selten.
Tim nennt typische Hinweise: Du zeigst mit dem Finger auf die Stelle direkt neben dem Kreuzbein, ungefähr dort, wo viele dieses kleine Grübchen am unteren Rücken haben. Das Aufstehen aus dem Sitzen sticht, vor allem beim Aussteigen aus dem Auto. Treppensteigen oder kurz auf einem Bein stehen, zum Beispiel beim Anziehen einer Hose, macht es schlimmer. Und das Umdrehen im Bett tut weh.
Welche Stellen werden bei Schmerzen im Gesäß oft übersehen?
Viele merken, dass bei ihnen von allem ein bisschen passt. Das ist laut Tim völlig normal, denn diese Bereiche hängen zusammen und beeinflussen sich gegenseitig. Dazu kommen Stellen, die in der Diskussion gerne vergessen werden.
Da ist der Sehnenansatz am Sitzbeinhöcker, also dem Knochen, auf dem du sitzt. Dort setzt die hintere Oberschenkelmuskulatur an. Ist diese Sehne gereizt, tut es genau an diesem Knochen weh, besonders beim Sitzen auf harten Stühlen, beim Vorbeugen mit gestrecktem Bein oder beim Bergaufgehen.
Sitzt der Schmerz eher außen am Becken und kannst du nachts nicht auf dieser Seite liegen, sind oft die Sehnen der kleinen Gesäßmuskeln beteiligt. Und das Hüftgelenk selbst meldet sich meist in der Leiste, kann aber auch ins Gesäß ausstrahlen. Fällt dir das Anziehen von Socken und Schuhen schwer und wird die Hüfte steif, solltest du auch an das Gelenk denken.
Wie beobachtest du deinen Schmerz am besten?
Tim empfiehlt, den Schmerz eine Woche lang mit drei Fragen zu beobachten. Erstens: Wo genau? Zeig mit dem Finger auf die Stelle. Ist es eine Linie bis in den Fuß, ein Punkt tief in der Pobacke, neben dem Kreuzbein oder direkt am Sitzknochen?
Zweitens: Wie fühlt es sich an? Brennend, elektrisch, vielleicht mit Kribbeln, das spricht eher für einen Nerv. Dumpf, ziehend und tief spricht eher für Muskeln, Sehnen oder Gelenke.
Drittens: Wann wird es schlimmer und was macht es besser? Beim Husten und Niesen, nach langem Sitzen, beim Aufstehen, auf der Treppe, beim Umdrehen im Bett? Hilft Gehen, Liegen oder Bewegung? Schreib es auf. Genau diese Notizen sind laut Tim oft wertvoller als das nächste MRT, weil sie zeigen, wie dein Körper im Alltag reagiert.
Warum machen Dehnen und Schonen es oft schlimmer?
Ein verbreiteter Gedanke lautet: Wenn es im Gesäß zieht, musst du mehr dehnen, möglichst lang und tief. Ist ein Nerv gereizt, reagiert er auf starken Zug aber oft schlechter, nicht besser. Viele dehnen sich genau in die Position hinein, die den Nerv zusätzlich reizt und wundern sich, warum es am nächsten Tag stärker zieht. Dehnen ist nicht schlecht, aber die Dosis entscheidet. Achte nicht nur darauf, wie es sich direkt danach anfühlt, sondern wie dein Körper am nächsten Morgen reagiert.
Der zweite häufige Fehler ist Schonen. Kurzfristig ist das verständlich, aber dein Körper passt sich an das an, was du ihm gibst. Muss er weniger tun, wird er weniger belastbar und dann reicht plötzlich eine Autofahrt oder ein Tag im Garten. Das ist der Kreislauf, in dem Tim die meisten Menschen trifft: Physiotherapie, Massage, Spritzen, Einrenken, jedes Mal kurz besser und dann wieder zurück, weil sich an der Belastbarkeit nichts verändert hat.
Bei den meisten Menschen, die Tim begleitet, ist es eine Kombination: Beweglichkeit in Hüfte, Becken und Lendenwirbelsäule, Kraft in der Muskulatur rund um Hüfte und Rumpf und ein Alltag, in dem die Belastung so gesteuert wird, dass sich der Körper anpassen kann. Dazu kommt das Nervensystem, das nach langer Zeit mit Schmerzen oft auf Alarm steht und erst wieder lernen muss, dass Bewegung sicher ist.